Eine Panzerfaust im Albtal? | Andreas König

Alles neu – macht die Maibike – oder – eine Panzerfaust im Albtal:

Hätte ich doch……neeee……..oder doch? Ach…..ich weiß nicht…….aber…..hm……..tja……..
Das waren so etwa meine Gedanken, als ich am Sonntag mitten in der Nacht (es war kurz nach 8h morgens) am Wegesrand im Albtal saß und auf anrückende Biker wartete.
Um mich herum ein infernalisches Gepiepe, Gezirpe, Gezwitscher und Geschrei. Jaja – von wegen “Waldesruh”! Hier ist es lauter als am Hauptbahnhof – wenn auch deutlich angenehmer:
Über mir strahlend blauer Himmel, die Sonne steht kurz über dem Hügel, weit entfernt ziehen zwei schneeweiße Wölkchen majestätisch übers Firmament und vor mir breitet sich in sattem Grün das Albtal aus.
Ja – denk ich bei mir – es gibt unangenehmere Arbeitsplätze als diesen…
In meiner Hand meine neue Kamera. Nie – niemals – würde ich jemandem raten auf eine Veranstaltung zu gehen, bei der es auf die Bilder ankommt und dabei eine neue Kamera mitzunehmen. “Neee neee – geh lieber in den Zoo oder stell Dich an den Straßenrand oder sonst wo hin, wo es keiner merkt, dass die Bilder nichts geworden sind….”, so – oder so ähnlich – wäre mein Rat an jeden, der mich fragen würde. Und was mach ich? Natürlich. Nicht dran halten!
Meine Kamera blickt mich vorwurfsvoll an. Tesssesssesss höre ich sie ganz leise flüstern…
DA! Der erste Biker kommt aus dem Nichts auf mich zugeschossen. Junge hat der einen Affenzahn am Leib! Von weitem schon hebt er die Hand und fuchtelt in der Gegend herum. Toll – so eine Begeisterung ist schon klasse! Ich visiere ihn an, Stellmotoren zeigen ihn in Millisekunden knackscharf im Display – ein tolles Motiv – so außer sich vor Elan – mein Finger neigt sich weiter auf den Auslöser…
“Nein! Ich gehör nicht dazu! Nicht fotografieren!”, höre ich ihn brüllen.
Verwirrt lasse ich die Kamera sinken und schon donnert er an mir vorbei. Nicht ohne ein “Verdammte Fotografen!” loszuwerden. Hm…denke ich mir – offenbar kein Teilnehmer…
Egal. Biker ist Biker! Ich drehe mich rum und feuere 4-5 Bilder hinter ihm her – jetzt grad erst recht!

Graf_Rhena_Weg-A579

Gefühlte 2 Stunden später habe ich alle Blätter am kleinen Bäumchen gegenüber gezählt. Es sind 182. Schon toll, auf was für Ideen man kommt, wenn man auf Radfahrer wartet.
Doch da – eine Bewegung hinter den Bäumen…….ja……ein……durch die Blätter kann man es nicht wirklich sehen…doch…da bewegt sich etwas….da ist – ja – ein Jogger… Er kommt auf mich zu, rotes Hemd und roter Kopf und raunzt ein “Moorgn” als er mühsam vorbei hoppelt.
Also Joggen wäre jetzt nicht mein Ding. Ich las neulich, dass Joggen bei manchen aussieht, wie Sterben mit Anlauf – bei mir sicher auch. Daher…nein das muss nicht sein….
Ich betrachte meine Kamera….drücke unmotiviert auf ein paar Knöpfen herum….die Kamera kichert…..schau mir das Objektiv an….drücke aus Versehen auf den Auslöser….. lösche sofort das Bild, das ich gemacht habe…..die Kamera lacht schallend……..dann schau ich mich weiter um.
Am Himmel gleitet erhaben ein großer Greifvogel dahin. Haaach – Fliegen muss schön sein. Ich lehne mich zurück und beobachte ihn. Sabine würde sicher sagen, dass das ein Adler ist, denke ich bei mir. Gut – für Sabine sieht alles viel größer aus. Wer das Stockmaß von R2-D2 hat, für den ist auch ein Spatz ein Condor. Durch das Tele schaue ich ihm beim Fliegen zu. Wuuuundeeeerschön….

Graf_Rhena_Weg-A292
Rrrpp rrrrpppp rrrrrpppp – Komisches Fluggeräusch, denke ich so bei mir. Ich senke die Kamera nach unten. OH GOTT! Die Biker kommen! Direkt vor mir! Da sind sie! Hunderte! Ich lasse das Tele sinken und sehe am Horizont wie ein halbes Dutzend langsam auf mich zufährt. Puh – verdammtes Teleobjektiv!
Ok – jetzt gilts! Gib alles! Brennweite! Fokuspunkt! Autofokus! Himmelherrgottnocheins – warum werden die grad unscharf? Ach so – ja falsche Taste. Nun hier – scharf – Auslöser – Feuer – Feuer – Feuer! Der Ton erinnert an ein Maschinengewehr: KLACKKLACKKLACKKLACK und vorbei sind sie. Es
hört sich so an, als ob die Kamera lachen würde. So in der Art: Ätsch – Ätsch – Ätsch – hab sie längst im Kasten – reg dich ab Alter und penn weiter – ich mach das schon – easy….
Pffff – denke ich – ich hab doch alles im Griff……
Dann kommen weitere Biker und mehr und immer mehr – in bunten Radtrikots, mit lustigen Brillen, farbigen Helmen und entschlossenen Gesichtern. Viele freuen sich, posen, strecken Daumen in die Höhe, lachen, feixen und versuchen sich an Kunststücken.
Längst habe ich aufgehört im Geiste mitzuzählen – das Display steht bei 800 Fotos und die Fahrer nehmen noch längst kein Ende.
Oft höre ich “vielen Dank!” wenn sie vorbei rasen, nachdem das Bild im Kasten ist und die Stimmung ist richtig gut.
Ich schaue angestrengt durch den Sucher, als ich hinter mir höre:
“Entschuldige se bittteee?” – die Stimme läßt mich über die Schulter schauen:
“Ja?”
“Äh……also – siiiie! I hab jetzt echt gedacht, des isch a Panzafauscht” ein Wanderer schaut mich entgeistert an.
“Nein – nein”, beruhige ich ihn, “das ist nur eine Kamera mit einem Teleobjektiv.” Ich denke kurz nach und ergänze: “Zumal – was sollte ich mit einer Panzerfaust hier anfangen?”
“Naja – ich weiß ja auch nicht….” Der Wanderer lacht verlegen und mit einem Schulterzucken und einem “schönen Tag noch” verabschiedet er sich und trollt sich.
Leute gibt’s! Eine Panzerfaust im Albtal!
Dann wird der Strom der Radler weniger. Teilweise vergehen ein paar Minuten, bis man wieder zur Kamera greift, die zwischendurch laut schnarcht. Doch die Reaktionen der Biker sind nach wie vor immens freundlich. Zwei Mädels fahren mit lautem Gejohle an mir vorbei – und halten sich dabei an den Händen und winken.
Dann wird es wieder still. Die Sonne hat längst den Zenit überschritten. Ein Blick aufs Display – fast 1300 Bilder. Das reicht auch für heute. Genug Bilder. Genug Sonne. Genug Biker.
Und somit mache ich mich auf den Weg meine Lieblingsfrau (nebenbei auch die Einzige) von ihrem Standort abzuholen. Wir fahren noch schnell zur Abschlußfeier nach Ettlingen, wollen mit den anderen Lichtwertern noch etwas Trinken, sehen aber, dass gefühlte 500.000 Menschen einen Bierwagen belagern. So ziehen wir den Rückzug zum heimischen Kühlschrank dann doch vor. Meine Kamera schlummert entspannt und ein Bisschen geschafft auf dem Rücksitz.
Wie war´s nun auf der Maibike? Nun – mir hats gefallen! Es hat viel Spaß gemacht zu fotografieren, so viele begeisterte Leute zu sehen und so viele strahlende Gesichter -die teilweise alles gegeben haben.
Wenn jetzt noch die Verpflegung besser klappt und man am Ende noch 2-3 Stände mehr in Ettlingen hin stellt, dann kann ich mir das im nächsten Jahr sicher wieder vorstellen.
Ach ja – und vielen Dank an Robert T. und Sven S. für die Überstunden vorher und hinterher. Und für´s Ausbügeln von einigen Patzern und Versäumnisse der Veranstalter im Vorfeld! Super gemacht!
Am Abend dann räume ich alles wieder dorthin, wo es hingehört. Objektive zurück in die Taschen, die Kamera in den Rucksack. Ich wische kurz über das Display bevor ich ihn schließe.
“Hast Du gut gemacht!”, flüstere ich.
Und für einen kurzen Moment ist mir so, als ob sie lächelt.

Andreas König

Graf_Rhena_Weg-A680

Graf_Rhena_Weg-A954

Kommentar verfassen